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Reifferscheid bei Hellenthal

Geschichte:

Bei der Burg Reifferscheid handelt es sich um den namensgebenden Stammsitz der Dynastenfamilie. In den Schriftquellen wird eine Burg zu Reifferscheid erstmals 1106 im Zusammenhang der Auseinandersetzungen Kaiser Heinrichs IV. mit seinem Sohn Heinrich V. erwähnt. Herzog Heinrich von Lothringen ließ die sich wohl in seinem Besitz befindliche Anlage durch Brand zerstören, damit sie nicht in die Hände seines Kontrahenten, König Heinrich V., fallen konnte. Unklar ist, ob es sich um die noch als stattliche Ruine erhaltene Burg Reifferscheid handelt oder eine Vorgängeranlage, die an anderer Stelle zu lokalisieren ist. Auf die Burg Reifferscheid oberhalb der gleichnamigen Talsiedlung bezieht sich jedoch eine Urkunde, die in das Jahr 1130 datiert und die Erhebung der Burgkapelle zur Pfarrkirche durch den Kölner Erzbischof thematisiert. Die Edelherren von Reifferscheid zählten zu den einflussreichsten Familien der Region. Gerhard und Philipp von Reifferscheid nahmen 1195 eine Erbteilung vor, in deren Verlauf Philipp unweit von Reifferscheid die Wildenburg gründete. Seine Nachkommen führten den Namenszusatz "von Wildenburg". Reifferscheid verblieb im Besitz Gerhards. 1306 verfügten die Herren von Reifferscheid über Hillesheim und 1377 wurde ihr umfangreicher Besitz um Bedburg erweitert. Unter Johann V. von Reifferscheid (1358-1418) wurde die Burg 1385 von einem Aufgebot der Städte Köln und Aachen sowie des Bischofs von Lüttich und der Herzöge von Jülich und Brabant belagert. Zu den wichtigsten Gebietszuwächsen zählte die 1394 in Reifferscheidschen Besitz übergegangene Herrschaft Dyck am Niederrhein. 1408 kam die Herrschaft Salm und 1445 die Herrschaft Alfter, verbunden mit dem kurkölnischen Erbmarschallamt hinzu. Seit dem 16. Jahrhundert spielte Reifferscheid als Aufenthaltsort der Dynastenfamilie nur noch eine untergeordnete Rolle. 1455 erfolgte die Erhebung in den Grafen- und 1804 in den Reichsfürstenstand. Die Burg wurde 1669 durch Brand zerstört und von den Franzosen 1689 stark beschädigt. Es folgte der Wiederaufbau im Barockstil. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts - Burg Reifferscheid war von den ins Rheinland vordringenden Truppen konfisziert worden - wurde die Anlage versteigert und diente als Steinbruch. 1889 kaufte Fürst Leopold von Salm-Reifferscheid-Dyck die Stammburg zurück, die schließlich 1965 in den Besitz der Gemeinde Hellenthal überging.
Zusammen mit der Talsiedlung Reifferscheid bildet die Burg eine Einheit. Der in die Befestigung mit einbezogene Ort wird 1385 erstmals als Stadt bezeichnet, ist jedoch aufgrund einer fehlenden wirtschaftlichen Entwicklung infolge der zwar strategisch günstigen aber geographisch abseitigen Lage der Gruppe der Minderstädte zuzuordnen. (Jens Friedhoff)

Bauentwicklung:

Die ältesten Bauteile der Burg Reifferscheid reichen ins Hochmittelalter zurück. Hierzu zählen u. a. Teile der Ringmauer und sehr wahrscheinlich auch der als Frontturm konzipierte und in die Mantelmauer einbezogene runde Bergfried der Anlage. In der Folgezeit wurde die Anlage je nach finanziellen Mitteln der Herren bzw. seit dem 15. Jh. Grafen von Reifferscheid umgestaltet und erweitert. Die im Vorfeld gelegene Talsiedlung erhielt im Spätmittelalter eine Befestigung und bildete mit der Burg eine Einheit. Die dem Wohnbau zugeordnete Zwingeranlage datiert sehr wahrscheinlich ins 15. Jh., während der an der Südostecke des Wohnbaues gelegene Geschützturm nach 1500 entstanden sein dürfte. 1669 wurde Burg Reifferscheid durch Brand stark beschädigt und wiederhergestellt. Weitere Beschädigungen erfolgten 1689 durch französische Truppen. Es folgte der Wiederaufbau im Stil des Barock. Das Wohngebäude wurde barock überformt, erhielt oktogonale Ecktürme mit geschweiften Hauben. Auch der hochmittelalterliche Bergfried erhielt eine barocke Haube. Den barocken Ausbauzustand der Burg geben die um 1725 entstandenen Zeichnungen Renier Roidkins wieder. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Burg auf Abbruch versteigert und zur Ruine. Der heutige Bestand der Anlage konnte durch z.T. aufwändige Sanierungsmaßnahmen gesichert werden. (Jens Friedhoff)

Baubeschreibung:

Der Grundriss der auf einem Berggrat errichteten hochmittelalterlichen Burg Reifferscheid umschreibt ein Oval. Die Angriffsseite wird durch die abgerundete Mantelmauer gesichert, in die der runde Bergfried eingestellt ist. Vorgelagert ist der Burg die Talsiedlung Reifferscheid, die 1385 erstmals als Stadt bezeichnet wurde und weite Teile ihrer spätmittelalterlichen Befestigung erhalten hat. Der Besucher betritt den historischen Ort Reifferscheid durch das sogenannte Matthiastor, einen Torbau mit spitzbogiger Durchfahrt. Flankiert wird der ursprünglich wohl höhere Baukörper von zwei schmalen runden Flankentürmen. Ein weiteres Tor führt in die Vorburg, die der Kernburg an der Süd- und Ostseite vorgelagert ist. Die Ringmauer ist teilweise erhalten. Das Nordtor erhielt seine heutige Form im 18. Jahrhundert. Zum Baubestand gehören u. a. die Zehntscheuer und Reste des Torwächterhauses. Zu den bedeutenden Bauten der ruinösen Hauptburg gehört der bereits oben beschriebene runde Bergfried, der im Inneren teilweise gewölbte Decken und einige längsrechteckige Schießscharten für Bogen- bzw. Armbrustschützen aufweist. Die als Aussichtspunkt dienende Wehrplattform ist durch den rundbogigen Hocheingang zu erreichen. An der Ostseite der Kernburg liegen die sanierten Mauerreste des rechteckigen Wohnbaues, dem an der Südostecke ein mächtiger runder Batterieturm vorgelagert ist. Der Turm zeichnet sich durch die noch erhaltenen Geschützkammern aus. Zum Ensemble von Burg und Talsiedlung Reifferscheid gehört ferner die unterhalb der Burg aber noch innerhalb der Ortsbefestigung errichtete dreischiffige Pfarrkirche. Der spätgotische Bau diente den Herren bzw. Grafen von Reifferscheid als Grablege. (Jens Friedhoff)