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Reichenberg am Mittelrhein

Geschichte:

Burg Reichenberg zählt zu den auch überregional bemerkenswertesten Burgen des Spätmittelalters. Erzbischof Balduin von Trier erlaubte dem Grafen Wilhelm I. von Katzenelnbogen 1319 den Bau der Burg, vielleicht anstelle einer älteren Anlage (bereits 1298 ist ein Ritter Merclin von Reichenberg bezeugt). Das "neu erbaute Schloss" nimmt König Ludwig der Bayer 1324 in seinen Schutz und erlaubt Graf Wilhelm dort den Bau einer (nicht verwirklichten) Stadt. Ab 1326 sind verschiedene Burgmannen genannt. Nachdem die Schildmauer mit den beiden Flankentürmen nebst Vorhof der Kernburg errichtet worden war, wurde der Weiterbau auf Grund politischer und finanzieller Schwierigkeiten eingestellt. Bereits 1331 starb Wilhelm I.. Die kleine, befestigte Siedlung zu Füßen der Burg wird 1352 als Tal bezeichnet. Ebenfalls 1352 kam es zwischen den zerstrittenen Brüdern Wilhelm II. und Eberhardt V. von Katzenelnbogen, den späteren Erbauern der Burgen Schwalbach und Katz (s. d.), zur Teilungsurkunde. Eberhard V. wurden die bestehenden Teile zugesprochen. Graf Wilhelm II. ließ in Verkehrung der ursprünglichen Planung nach 1352 den bisherigen östlichen Vorhof zur neuen, eigentlichen Burg ausbauen, womit die Schildmauer bedeutungslos wurde. Spätestens 1385 der Ausbau vollendet. Mit dem Aussterben der Grafen von Katzenelnbogen kam die Burg 1379 an den Landgrafen von Hessen. In dessen Auftrag fertigte 1607 Wilhelm Dilich detaillierte Darstellung der Burg an, die heute noch eine wichtige Grundlage der Forschung bildet. Nach Zerstörungen und Wiederherstellung 1649-51 blieb sie auch bei allmählich einsetzendem Verfall bis 1806 Amtssitz und hessische Festung, bevor sie 1816 an Nassau kam. Infolge fortschreitenden Verfalls stürzte 1813 der südliche Schildmauerturm ein. 1818 wurde die Burg auf Abbruch verkauft, aber nicht abgerissen, so dass sie als Ruine bestehen blieb, nachdem sie der Archivar Habel erworben hatte. 1971 stürzte auch der nördliche Turm ein, so dass von den beiden, die Silhouette der Burg einstmals beherrschenden zwei Flankentürmen heute keiner mehr steht. (Reinhard Friedrich)

Bauentwicklung:

Die imposante, weitläufige Anlage der Burg Reichenberg wurde im wesentlichen in zwei Bauphasen errichtet. Der ersten Bauphase 1319 ff. gehört die Schildmauer mit den beiden runden Flankentürmen sowie die Ringmauer des sog. "Vorhofs" an. Eine wichtige Zäsur bildet die 1352 erfolgte Teilung der noch unfertigen Burg Reichenberg zwischen Wilhelm I. und Eberhard V. von Katzenelnbogen. Im Zuge der Teilung erhielt Eberhard die noch nicht bebaute rheinseitige Hälfte jenseits der Schildmauer, während die von einer Ringmauer umschlossene Osthälfte seinem Bruder Wilhelm zufiel. Eberhard bevorzugte jedoch die von ihm neu erbaute Burg Schwalbach im Aartal als Herrschaftsmittelpunkt, so dass der Ausbau seiner Burghälfte zu Reichenberg unterblieb. Graf Wilhelm verstärkte ab 1352 die baulichen Aktivitäten in der ihm zustehenden Osthälfte der Burg, indem er der Ringmauer bergseits den Saalbau mit den beiden Wohntrakten anfügte und den Halsgraben durch die Kasemattenmauern und den Eckturm absicherte. Diese baulichen Maßnahmen dürften mit der Weihe um 1380, spätestens beim Tode Wilhelms II. 1385 vollendet gewesen sein. Nach der Belagerung im hessischen Bruderkrieg wurde die Burg 1649-51 wieder instandgesetzt. Trotz des fortschreitenden Verfalls wurde die Burg bis 1806 zeitweise als Amtssitz genutzt. 1813 stürzte der südliche Flankenturm der Schildmauer ein. Nach dem Übergang in nassauischen Besitz 1815 wurde die Burg 1818 auf Abbruch verkauft, jedoch von dem Archivar Friedrich Habel erworben und vor dem Untergang gerettet. Das 1886 eingestürzte Mittelgewölbe des Saalbaus wurde 1911-13 wiederhergestellt. Ab 1880 entstand im Vorfeld der Burg ein Wohnhaus. Umfangreiche Restaurierungen erfolgten 1912 und 1956, konnten jedoch nicht verhindern, dass 1971 auch der nördliche Flankenturm der Schildmauer einstürtzte. (Jens Friedhoff)

Baubeschreibung:

Burg Reichenberg ist eine der bedeutendsten, nie ganz vollendeten Wehranlagen des 14. Jhs. Die erste Anlage bildet ungefähr ein Trapez von ca. 30 x 40 m Seitenlänge in Form eines breitgelagerten Fünfecks. Die Kernanlage der ersten Phase wird durch eine rund vier Meter starke, in der Mitte fast bis auf acht Meter erweiterte Schildmauer mit einem mittigen Tor in eine Ost- und eine Westhälfte halbiert. Diese vier Geschosse aufweisende, 18 m hohe, in zwei Abschnitten erbaute Schildmauer (sog. "Zwerchbau") ist selbst ein bemerkenswerter Baukörper und ein Unikum in der Burgenarchitektur. Innen ist der nach beiden Seiten autarke Verteidigungsbau mit Kachelofen, Kamin und Aborterker bewohnbar ausgestattet, im ersten Obergeschoss befindet sich über dem Tor eine 1371 geweihte Kapelle. Den oberen Abschluss bildet eine nach beiden Seiten gerichtete Wehrplatte mit Zinnen. An beiden Enden befanden sich ehemals zwei gewaltige, bergfriedartige, 43 m hohe Rundtürme mit eingestellten Treppenrundtürmchen von jeweils insgesamt 9 m Durchmesser. Über einem nur von der Schildmauer aus betretbaren Hocheingang und einem hoch gelegenen Kranz von Kragsteinen hatten sie je eine Wehrplatte mit Zinnen. Die Osthälfte der Hauptburg ist umschlossen von einer 2,20-3,20 m starken hohen Wehrmauer. Innen ist sie zweigeschossig gegliedert und weist in den Arkaden Schießkammern für Bogenschützen auf. An der Südseite befindet sich der Tordurchlass und in der Südostecke ein vorkragender Rundturm. Die Ring- und Schildmauer werden innen und außen von einem umlaufenden Rundbogenfries eingefasst.
In einer zweiten Bauphase wurde nach der Mitte des 14. Jhs. die östliche, an der Angriffsseite gelegene Burghälfte durch Wilhelm II. in Form einer großartigen Wehr- und Wohnarchitektur ausgebaut. Wohn- und Repräsentationszwecken diente eine um die Nordostecke der ersten Wehrmauer herumgreifende dreistöckige Baugruppe. Aus ihrer Mitte springt ein palasartiger, unterkellerter, dreigeschossiger Saalbau von 13 Meter Seitenlänge vor, der außen einen bis in den Halsgraben ragenden, halbrunden, apsisartigen Abschluss aufweist. Innen greifen die Säulen, die den Raum in zwei Schiffe teilen, romanische Elemente auf. In den beiderseits anschließenden Gebäuden befanden sich mehrere Wohnräume, das oberste Geschoss wird durch ein Kreuzgewölbe abgeschlossen. Alle Wohngebäude waren durch ein Flachdach mit Erdaufwurf abgeschlossen. An der östlichen und südlichen Außenseite am Halsgraben und unter dem Apsidialbau befindet sich in Kellerhöhe als weiterer bemerkenswerter Wehrbau eine ausgedehnte, zweistöckig in die Tiefe führende, tonnengewölbte Kasematte. Sie ist noch mit ca. 40 Schießscharten für Armbruste ausgestattet und somit wohl die älteste des rheinischen Burgenbaues. Über der Kassematte bildet die Wehrmauer einen Zwinger, dem an der Südostecke ein Rundturm von bergfriedartigen Dimensionen eingestellt ist. An diesen schließt sich westlich der Marstall an, ihm südlich vorgelagert befindet sich ein Torzwinger. Der Südseite der Burg ist ein großes Vorburggelände mit Wirtschaftsgebäuden vorgelagert, in dem sich eine weitere Kapelle befindet. (Reinhard Friedrich)