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Diersfordt

Geschichte:

Schloss Diersfordt wird 1334 urkundlich erstmals erwähnt. Damals war der Adelssitz in den Händen der Ritter von Hess und lag im Kirchspiel und Gericht Bislich. Der Name selbst verweist auf eine nahe bei gelegene Furt. Durch Einheirat ging das Anwesen an die von Wylich, einer aus dem Weseler Stadtpatriziat stammenden und im klevischen Territorium hoch angesehenen und wohlhabenden Familie, die auch das bedeutende Erbhofmeisteramt inne hatte, über. Bis 1498 war der Besitz ein Lehen des Herzogtums Kleve. In diesem Jahr erhob Herzog Johann II. Diersfordt zur eigenständigen Herrlichkeit. 1598 und 1621 wurde das Schloss von marodierenden spanischen Truppen beschädigt. Unter Alexander Hermann von Wylich (1685-1776) setzte die Modernisierung der got. Anlage im Stil des Spätbarock ein. Den Anfang machte die neue Schlosskapelle, die einen bildlich überlieferten (sog. Erbenbuch v. 1612), vermutlich got. Vorgänger ersetzte. Unter Alexander Hermanns Neffen und Erben, Christoph Alexander von Wylich, wurde das Werk vollendet und auch das Haupthaus im neuen Stil erweitert und umgebaut. Mit dem Tod Christoph Alexanders 1831 gelangte Diersfordt über Erbschaft an Graf Anton zu Stolberg-Werningerode. Das Schloss brannte 1928 aus. Der Wiederaufbau von 1929-1931 als barockisierender Winkelbau erfolgte z. T. auf alten Grundmauern in reduziertem Bauvolumen. Gegen Ende des 2. Weltkriegs wurden Haupthaus und Schlosskirche durch Beschuss schwer beschädigt. So verlor der Turm am Haupthaus seine Haube, die Ostseite der Kirche wurde eingerissen. Die Schlosskirche wurde zu Anfang der 50er Jahre wiederhergestellt. Am Haupthaus wurde die Turmhaube nicht rekonstruiert und auch sonst die Dachlandschaft vereinfacht. Die Familie von Stolberg-Wernigerode bewohnte das Schloss in der Folgezeit nicht mehr. Einem längeren Leerstand folgte in den 1970er und 1980er Jahren die Nutzung als Sanatorium. Siegfried Graf von Stolberg-Wernigerode verkaufte Diersfordt 1996/97 an die Familie Beichert, die fortan die bauliche Instandsetzung von Haupthaus und zahlreichen Nebengebäuden verstärkten. So wurde das Dach des Haupthauses bis auf die Turmhaube wiederhergestellt und die Sicherung der got. Remise im Vorburgbereich angefangen. Aktuell wird das Haupthaus für Feiern, Hochzeiten, Tagungen sowie Übernachtungen genutzt. Eine Nutzbarmachung der gesicherten Remise steht jedoch noch aus. (Jens Wroblewski)

Bauentwicklung:

Das auf einer lang gestreckten und deutlich erhöhten Rechteckinsel (W-O, ca. 146 x 52 m) liegende Schloss Diersfordt ist über eine Zufahrtsbrücke von Süden her erreichbar und allseitig von einem doppelten Wassergrabensystem umgeben. Die sichtbare Bausubstanz umfasst den Zeitraum 15. bis 20. Jh.. Linker Hand von der Zufahrtsbrücke steht das Ende der zwanziger Jahre des 20. Jh. erbaute Haupthaus mit seit dem Krieg helmlosem Turm und vorgelegter Außenterrasse, unter der sich die letzten Reste des alten Schlosses bzw. der mittelalterlichen Hauptburg mit Gewölbekellern verbergen. Dem Haus gegenüber auf der O-Kante der Insel steht das sog. Porthaus bzw. die ehem. Remise von 1432. Dieser ist nach Norden das ruinierte ehem. Brauhaus von um 1500 angeschlossen, das wegen Einsturzgefahr teilabgetragen werden musste und vorher schon zahlreiche Veränderungen erfuhr. Zwischen Remise und Haupthaus liegt die spätbarocke Schlosskirche (N-S). Hinter bzw. westlich des Haupthauses befindet sich der Ende des 18. Jhs. Erbaute Wirtschaftshof.
Die Bauchronologie der umfangreichen Anlage ist durch Ausgrabungen und Bauforschung sowie durch hist. Ansichten gut rekonstruierbar. Ausgrabungen fanden 1993 bei der Sanierung der Schlossgräben statt, sowie 2004 im Hofbereich bei Leitungsverlegungen. Erdeingriffe nahe der Haupthausterrasse und der Zufahrtsbrücke wurden 2005 dokumentiert. Im Jahr 2006 und darauf folgend konnten Ausgrabungen in der got. Remise sowie im Gewölbekeller unter der Haupthausterrasse durchgeführt werden. Die Remise wurde 2004 bauhistorisch befundet und untersucht.
Die mittelalterlich geprägte Burg ist auf einer Ansicht von 1612 aus dem sog. Erbenbuch überliefert: Die S-Ansicht zeigt im Bereich der Hauptburg einen lang gestreckten, W-O orientierten Hauptbau mit zwei zur Vorburg hin ausgerichteten Ecktürmen, einer Doppelturmfassade ähnlich, sowie einen hohen Turm bzw. Bergfried dahinter. Das Ganze wird von einer Ring- oder Zwingermauer eingefasst, in der zur Vorburg hin orientiert, als eigenständiger Baukörper, eine Burgkapelle steht. Ein Trenngraben zwischen Haupt- und Vorburg ist nicht sicher zu erkennen. Vielmehr erscheinen beide Teile miteinander verbunden. Die Vorburg wird ebenfalls von einer Ringmauer geschützt mit Zugangstor im Süden. Remise und Brauhaus sind auf der O-Kante der Insel dargestellt.
Gem. Archäologie & Bauforschung hat sich die Kernburg aus einer kleineren Anlage heraus entwickelt. Im 14. Jh. wurde eine 1,5 m dicke Backsteinringmauer erbaut. Offenbar zeitgleich oder nur wenig später wurde in 2 m Abstand zur Ringmauer ein rechteckiges oder quadratisches Wohngebäude errichtet, bei dem es sich um einen Wohnturm oder ein Burghaus gehandelt haben dürfte. Seine Mauerstärke betrug 1,3 m, die N-S-Länge konnte mit 11,6 m bestimmt werden. Die dokumentierte W-O-Ausdehnung betrug 8,6 m, wobei das Ende wegen des modernen Schlossneubaues nicht mehr zu ermitteln ist. Im Gebäudeinneren waren entlang der Außenwände 3m breite Nischen vorhanden. Ihre Funktion ist unklar, es könnte sich um Wehrgangnischen handeln. Zu dieser Anlage könnte ein 1993 bei der Grabensanierung entdeckter, über 68 m langer, polygonaler und 1m mächtiger Mauerzug, mit auffälligen Eckverstärkungen von Turmaufbauten oder Strebepfeilern, gehören. Die auf Höhe der Mauermitte beobachteten Eichenpfähle weisen auf auf eine Holzbrücke zur Kernburg hin. Dieser Mauerzug datiert über Baumaterial und Typologie grob ins 13./14. Jh. und könnte als Zwingermauer gedient haben. Es ist jedoch auch möglich, dass er zur einer noch älteren Vorgängerburg gehört hat.
Im 15. Jahrhundert wurde das Innere des Kernburgwohngebäudes intensiv umgestaltet. Die Wandnischen wurden zugesetzt, Kreuzgewölbe eingezogen, ein Brunnenzylinder errichtet und eine aufhöhende Verfüllschicht eingebracht, die Fundgut aus dem 15. Jahrhundert enthielt. Darüber verlegte man einen Ziegelboden. In der südöstlichen Raumecke entstand ein kreisrunder Backofen, der in einer zweiten Phase ausgebessert wurde. Den Backofen musste man wegen des fortschreitenden Ausbaues der Kernburg aufgeben. An seiner Stelle entstand eine massive Ausmauerung der betreffenden Raumecke, um darüber einen Turm zu errichten, der wiederum zu der repräsentativen Doppelturmfassade gehörte (s. o.). Als Ersatz für den alten Backofen wurde ihm gegenüber ein neuer, kleinerer Ofen geschaffen. Im 15. Jahrhundert war das Untergeschoss demnach als Burgküche in Gebrauch. Analoge Beispiele wurden in den Untergeschossen von Burg Boetzelaer bei Kalkar-Appeldorn und Haus Balken bei Xanten-Marienbaum ergraben.
Die letzte im bauhistorischen und archäologischen Befund nachweisbare Bauphase steht im Zusammenhang mit der barocken Überformung ab 1778. Der zwischen dem Wohngebäude und der Kernburgringmauer liegende, 2 m breite Raum wurde eingewölbt und überbaut. In der Burgküche gab man den Backofen auf und hob durch eine Verfüllschicht das Bodenniveau noch einmal an. Den Abschluss bildete ein neuer, trocken verlegter Ziegelboden. Fortan hat diese Geschossebene eine Depotfunktion.
Der Umbau zum repräsentativen neuzeitlichen Schloss ist architektonisch eine indirekte Anlehnung an den mittelalterlichen Hauptbau mit Doppelturmfassade, denn sowohl die Ausrichtung des neuen Haupthauses sowie die zwei quadratischen Doppeltürme nach O sind Kennzeichnen der got. Anlage gewesen. Es ist deshalb nicht ausgeschlossen, dass man für die Modernierung vorhandene Baumassen weiterverwendet hat. Der imposante aber auch schlichte Schlossbau mit Rechteckfenstern ist dann 1928 ausgebrannt und bis 1931 neu aufgebaut worden. Nun als barockisierender Winkelbau mit nur einem Turm, zudem auf verkleinerter Grundfläche. Die heutige Eingangstür, mit barocker Hausteinfassung und Oberlicht, wurde vom Vorgängerbau übernommen.
Im Bereich der Vorburg steht die langgestreckte Remise von 1432. Ein dreigeschossiger Baukörper (ca. 30x10m) mit hohem Satteldach. 30x10m) und rundbogigen Toreinfahrten zum Hof hin. Zahlreiche Bauspuren lassen vor allem Veränderungen an den Tür- und Fensteröffnungen erkennen, letztere z. T. mit Werksteingewänden. Noch im Originalzustand hingegen die kleinen Rechteckfenster am S-Giebel, wo ein Backsteinfries erhalten ist. Auf der fast fensterlosen O-Längsseite sind nahe der Dachtraufe Balkenlöcher sichtbar, die von einem vorgekragten Wehrgang stammen.
Bauforschung und Archäologie haben gezeigt, dass die S- & O-Wand der Remise auf einer Ringmauer aus dem 14. Jh. aufbauen. Aus dem selben Jh. stammt ein rechteckiger, W-O fluchtender, ergrabener Vorgängerbau der Remise. Bauschäden in dessen Fundamentzone legen die Vermutung nahe, dass dieser Bau vielleicht nicht zu Ende geführt wurde. Um 1500 wurde an der N-Seite der Remise das mit Gewölben unterkellerte Brauhaus angebaut (ca. 23x10m), das später wiederholt umgebaut wurde, so im 19. Jh. als Pferdestall.
Am S-Giebel der Remise schloss sich nach W die in der Ansicht von 1612 zu sehende Ringmauer mit überdachtem Wehrgang und Torbau an. Auf der Innenseite der Ringmauer war ein Anbau mit Pultdach angefügt (Bauspur an W-Seite Remise). Der Torbau zeigte im archäologischen Befund einen verzogenen Rechteckgrundriss. Torbau, S-Ringmauer und Remise sind in einem Zuge erbaut worden. Am Torbau beginnend setzte eine Zwinger- oder niedrige Ringmauer an, die schon 1993 bei der Grabensanierung beobachtet wurde. Wie auf der Ansicht von 1612 dargestellt, zog sich diese Verteidigungslinie nach W um die Hauptburg herum. Auffallend ist, dass weder im bildlichen noch im archäologischen Befund ein Trenngraben zw. Haupt- und Vorburg nachweisbar ist. Vieles spricht dafür, dass zur Zeit der Aus- und Neubauten im 15. Jh. ein solcher Trenngraben nicht mehr existierte. Für die ältere Vorgängeranlage des 14. Jh. ist er nicht auszuschließen.
Die reiche Befundlage zeigt für Schloss Diersfordt das stetige Volumen- und Flächenwachstum einer kompakten Kernburg des 14. Jh., mit Wohnturm/Burghaus, Ring- und Zwingermauer (?) hin zu einer imposanten und repräsentativen Anlage des 15. Jh., mit großem Haupthaus, Doppelturmfassade, Bergfried, Zwingermauer und Burgkapelle. Die 1612 gezeichnete Burgkapelle scheint stilistisch zu diesem Ausbauprogramm gehört zu haben. Für die Neuzeit ist eine ältere Grablege in der Kapelle nachweisbar.
Wie konkret die Vorburg im 14. Jh. gestaltet war, ist noch offen. Rinmauerzüge sind schon für die heutigen O- und S-Seiten belegt. Weiter das erwähnte Vorgängergebäude der Remise.
Dominant dann auch hier wieder die Baumaßnahmen des 15. Jh. mit der imposanten Remise und der später angebauten Brauerei.
Die architektonische Aufwertung Diersfordts im 15. Jh. ist sicher im Zusammenhang mit dem Status und der Finanzkraft der damals hier ansässigen Famiie von Wylich zu sehen.
Das spätbarocke Schloss (1778 ff.) beschrieb P. Clemen (1892; S. 19) wie folgt: "Das Schloss liegt mitten im alten Rhein auf einem erhöhten Terrain, das mit doppelten, 20m breiten durch einen Zwischenraum von 35m getrennten Gräben umgeben ist. . . Das Herrenhaus war ursprünglich ein fast quadratischer Bau mit drei Türmen. Bei der Erneuerung im 18. Jh. wurde der ganze südliche Teil angefügt, der Turm dem nördlichen entsprechend dreistöckig errichtet, aber nicht eingebunden, nach den Gräben zu ein breiter Balkon. Der Mittelbau ist zweistöckig mit fünf Fenster Front, die Türme haben niedrige geschweifte Hauben erhalten. Die alte Gestalt zeigen zwei im Schloss befindliche Gemälde des 17. u. 18. Jh., das eine mit Gärten und weiterer Umgebung." Während des Brandes konnte das wertvolle Archiv, die Bibliothek, Mobiliar und Kunstgegenstände gerettet werden.
Die heutige Schlosskapelle, in der Achse der Zufahrt stehend, von 1775/76, ein Backsteinbau mit Chorrundung, ersetzt die ältere Burgkapelle.
Sehr wahrscheinlich mit den Schlossumbauten wurde die Burginsel nach W durch Anschüttung erweitert und darauf E. 18. Jh. neue Ökonomiegebäude errichtet. Weitere Bauten dieser Zeit sind die zw. Innerem und äußerem Graben stehende Orangerie, östl. des Schlosses, sowie ein 2002 abgebrannter Badepavillon. Weiter die beiden den Zufahrtsweg flankierenden Häuser mit Krüppelwalmdach: im W die ehem. Ölmühle mit Eiskeller, im O die ehem. Kornmühle.
Von den barocken Gartenanlagen blieb nichts mehr erhalten. (Jens Wroblewski)

Baubeschreibung:

Gebäudeensemble des 15.-20. Jh. auf einer erhöhten Rechteckinsel mit doppeltem Grabensystem und Zufahrtsbrücke von S. Entlang Zufahrtsweg zwei gegenüberliegende Backsteinhäuser mit Krüppelwalmdach, E. 18. Jh. (Korn- und Ölmühle/Eiskeller). Auf die Zufahrtsachse ausgerichtet die N-S positionierte spätbarocke Schlosskirche (1775/76) aus Backstein und Chorrundung/Apsis. Gem. Dehio 2005: "Werksteinfassade im Stil des Potsdamer Frühklassizismus. Volutengiebel und bekrönendes Türmchen 1896 weitgehend erneuert. Nach schwerer Kriegsbeschädigung bis 1951 wiederhergestellt. Innen Stuckdecke, Empore, Kanzel und Abendmahltisch aus der Bauzeit; die 1776 dat. Orgel von A. Itter aus Duisburg, Werk erneuert; Kanzel, Kirchentür und das Wappen Wylich 1775-78 von Collet."
Das Hauptgebäude mit L-förmigen Grundriss, einem Viereckturm im NO und erkerartig vortretenden Ausbauten im W entstammt dem Neubau 1929-31. Unter der davor liegenden Haupthausterrasse ein Kreuzgewölbekeller von der spätgot. & barocken Anlage. Haupteingang mit Werksteinrahmung vom abgebrannten Vorgänger (E. 18. Jh.) übernommen.
In der ehem. Vorburg die N-S fluchtenden Ökonomiegebäude Remise und Brauerei entlang der östlichen Inselschmalseite positioniert. Remise v. 1432 dreigeschossig mit Satteldach, rundbogigen Durchfahrten zur Hofseite und Wehrgangsspur unter der Traufe der O-Langseite. Fenster z. T. überformt, z. T. noch bauzeitlich (S-Giebel). Am S- Giebel Backsteinfries. Nach N um 1500 angebaut das unterkellerte Brauhaus. Ehem. mit Satteldach. N-Giebel durch stat. Schäden aus dem Lot geraten und jüngst samt Dachzone abgetragen. Die Remise wurde bis 2011 statisch gesichert und dabei der archäologische Befund aus dem 14. Jh. berücksichtigt. Aktuell Rohbauzustand; langfristige Nutzung n. offen.
Westlich Hauptgebäude Ökonomiegebäude aus dem 18. Jh. (Jens Wroblewski)

Arch-Untersuchung/Funde:

1993: Grabensanierung, NI93/1016, OA2964/016
2004: Leitungsverlegungen, NI2004/1013
2005: Herrenhausterrasse, Zufahrtsbrücke, NI2005/1020
2006: Gewölbekeller u. Herrenhausterrasse, NI2006/1005
2006: Remise, NI2006/1009